Erio

Nicht schwarz, nicht weiß, sondern grau

zu Jan Hoff: Marx global (4)

without comments

Fortsetzung und Schluß meiner Notizen zu Jan Hoff: Marx global. Zur Entwicklung des internationalen Marx-Diskurses seit 1965. Zu Kapitel 3: Vertiefungen – Zentrale Diskurse innerhalb der deutschen und der internationalen Marx-Diskussion von den 1980er Jahren bis in die Gegenwart (S. 199–298).

  • Hoff will „Ansätze zur Interpretation der Methode der Marxschen Kritik der politischen Ökonomie“ herausarbeiten (199). Diese Methoden-Untersuchungen seien „eine Reihe von theoretischen Versuchen, die im Anschluss an Marx auch (!) an der Erforschung der kapitalistischen Produktionsweise, d.h. des Marxschen Gegenstands selbst mitarbeiten.“ (200) Die „wichtigen Problematiken“, auf die Hoff eingeht, sind: Stellenwert der Wert- und Wertformtheorie; das Verhältnis von Forschung und Darstellung (Abstraktes/Konkretes, Problem des Anfangs, Bedeutung Hegels); der „6-Bücher-Plan“; Krisentheorie.
  • Dieselben „Probleme“ wurden ähnlich kompakt schon bei Michael Heinrich („Die Wissenschaft vom Wert“) und Ingo Elbe („Marx im Westen“) behandelt. Indes liefert Hoff zwar zusätzliche Einschätzungen internationaler Autoren, aber keine neuen Argumente. In den vorigen Kapiteln hat sich zudem schon abgezeichnet, dass die herangezogene Sekundärliteratur mutmaßlich unter dem Gesichtspunkt ausgewählt wurde, einen Beitrag zu jenen „wichtigen Problematiken“ zu leisten, die ausgerechnet das Themenfeld der „neuen Marx-Lektüre“ abstecken.
  • Elbe hatte sich noch bemüht, dessen „Forschungsprogramm“ zu begründen. Bei Hoff vermisse ich aber jede Begründung, warum etwa die Klärung des Verhältnisses Marx–Hegel eine entscheidende Frage sei. Unterstellt wird, dass deren Beantwortung ein Beitrag zur „Erforschung der kapitalistischen Produktionsweise, d.h. des Marxschen Gegenstans selbst“ sei. Die Klärung der Methodik, die Hoff betreibt, ist dabei ein ausgesprochen philologischer Akt. Und der einzige Schluß ist, daß sich die einschlägigen Zitat-Stellen in den Originaltexten bisweilen widersprechen – und Marxens ökonomiekritischen Argumenten nichts zusetzen. Diese sind im Kapital eben keine philosophischen, die sich an Hegel zu bewähren hätten; und ihre Stimmigkeit steht nicht unter dem Vorbehalt irgendeiner ausgewiesenen Methode („Dialektik“), ohne die Marxens Argumentation unbegreiflich bliebe oder falsch sei.

Warum also die Thematisierung Hegels, warum die Konzentration auf die „Methode“? Kurze Anmerkungen dazu:

a) Die Frage nach Marx‘ Verhältnis zu Hegel ist biographisch, werk- und rezeptionsgeschichtlich bedeutsam. Von Lenin kennen wir den emphatischen Bezug auf Hegel und die Behauptung, das Kapital sei ohne Hegel-Studium nicht zu verstehen. Von Stalin kennen wir eine strikte Ablehnung Hegels, den er für einen politischen Reaktionär gehalten hat, der folglich nicht maßgeblich für Marx‘ Wirken gewesen sein konnte. Der ML hat beides aufgenommen mit seiner Formel der „Drei Quellen und drei Bestandteile des Marxismus“. Das „moderne“ Problematisieren Hegels geht insofern auf eine Kritik des ML und dessen Lehrbuch-Variante von „Dialektik“ zurück. (Ausführlich siehe z.B. Iring Fetscher: Karl Marx und der Marxismus, München 1967.)

b) Was die Marxologie einerseits im Kontrast zum ML problematisiert, bringt sie beide wieder zusammen: Die Sorge um die „richtige“, authentische Methode, eben die Dialektik. Dessen einzige ausgewiesene Quelle ist der Dialektiker Hegel. Zugleich hat sich Marx davon distanziert, die Hegelsche Dialektik einfach „angewendet“ zu haben; seine eigenen Hinweise zur „Methode“ der Ökonomiekritik sind zudem knapp. Für Marxologen ist das der Aufruf, sie anhand Marx‘ Forschungs- und Darstellungsweise zu „rekonstruieren“. Einerseits geben solche Rekonstruktionen Auskunft über die Forscherpersönlichkeit Marx und die Menge an Quellmaterial, die er dereinst zusammengetragen hat; und darüber wird andererseits die Frage nach der Systematik der Darstellung theoretisiert. Banalerweise ist diese Frage doch schon beantwortet: Die Systematik ist genau so beschaffen, wie Marx seine Argumentation im Kapital selbst (zumindest im 1. Band) in Anschlag gebracht hat. Wo hier irgendeine vorgängige, exotische Methode am Werk gewesen sein soll, die sich vom behandelten Gegenstand abheben lässt, bleibt offen.

c) Die Frage nach Marx‘ Hegel-Bezug hat sich rezeptionsgeschichtlich verankert v.a. nach der Veröffentlichung der Ökonomisch-philosophischen Manuskripte (erstmal 1932). Marcuse war einer der frühesten Rezensenten, später hat er folgendes Problem der Marxschen Theorie umrissen und auf Hegel bezogen:

Wenn dieselbe Theorie sowohl die Entwicklung A wie nicht-A, die Prosperität sowohl wie die Krise, die Revolution sowohl wie das Ausbleiben der Revolution, die Radikalisierung der Arbeiterklasse sowohl wie die Integrierung der Arbeiterklasse in das bestehende System begreifen kann, dann mag das zwar für die Gültigkeit der Theorie sprechen, aber es spricht auch für ihre Gleichgültigkeit. Und man hat in der Tat der Marxschen Theorie unter diesem Gesichtspunkt den Vorwurf gemacht, daß sie einen eingebauten Mechanismus enthält, der sie gegen jede Widerlegung durch die Wirklichkeit abdichtet.“ Und weiter: „…ich meine, daß diese Schwierigkeiten mit dem Ursprung der Marxschen Dialektik in der Hegelschen zu tun haben“. (Herbert Marcuse: Zum Begriff der Negation in der Dialektik, Vortrag 1966, in: Ideen zu einer kritischen Theorie der Gesellschaft, Frankfurt/M. 1969: S.185.)

Folglich vermutet Marcuse im Hegel-Bezug (dem „frühen“ Marxschen Werk entnommen) einen „Schlüssel“ (Dialektik) für das aufgerissene Problem (widersprüchliche Resultate derselben Theorie), die v.a. das spätere ökonomiekritische Werk betreffen. Marcuse problematisiert also den methodisch kontaminierten Inhalt der Marxschen Theorie in toto. Die „neue Marx-Lektüre“ dagegen will die inhaltlich kontaminierte Methode in toto klären – und die kann man nur fassen, wenn man sie vom Gegenstand abzieht. Der sei schließlich „unfertig“, Marx habe die Methode in ihm „versteckt“ usw.

  • Und das Ziel des ganzen Spaßes? Eine „grundlegende Erneuerung des an Marx orientierten Denkens“; gerade die „neue Marx-Lektüre“ habe hierbei „zur Herausbildung eines angemessenen Marx-Bildes jenseits ‚populärer‘ Mythen“ beigetragen. (296f.) Das Zugeständnis, sich um die Pflege des „Marx-Bildes“ zu sorgen, hätte Hoff früher im Buch bringen sollen. Immerhin ist es eine treffende Zusammenfassung desselben.

Written by erio

Oktober 8th, 2009 at 6:28 pm

Posted in Allgemein

Leave a Reply