Erio

Nicht schwarz, nicht weiß, sondern grau

Kosmoproleten zur Krise: Was tun?

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Heft 2 der Zeitschrift „Kosmoprolet“ ist mittlerweile erschienen. Zwei Artikel beschäftigen sich mit der Finanzkrise: Thesen zur Krise (16–49; leider nicht online) von den Freundinnen und Freunden der klassenlosen Gesellschaft (FdkG) und Eine Krise des Werts (50–86; hier als PDF) von Sander. In der Kosmoprolet wird eine Frage aufgeworfen, die – wie immer man sie formuliert – ein linker, aber ärgerlicher Klassiker geworden ist: Warum geht die Krise nicht mit einer Radikalisierung sozialer Auseinandersetzungen einher, warum provozieren die angesagten Härten gegenüber den Lohnarbeitern nicht zum handgreiflichen Widerspruch?
 Die Herausgeber sprechen von einer „anhaltenden Friedhofsruhe“ und mutmaßen im Editorial (hier als PDF), dass

„…die gegenwärtige Konfusion nicht allein ideologischer Verbohrtheit geschuldet ist, sondern in erster Linie der Tatsache, dass zumindest in den hiesigen Gefilden weiterführende Kämpfe aus der Klasse heraus immer noch Fehlanzeige sind. Die Krise scheint in der Gesellschaft noch nicht in einem Maße angekommen zu sein, das die Lohnabhängigen zu größeren Reaktionen bewegen würde.“ (5)

Grund sei u.a. der „rastlose Aktionismus der Bundesregierung“. Der Staat genösse zwar gerade „großes Vertrauen“, mit einem Andauern der Krise werde er aber „früher oder später seine Potenz einbüßen“ (5f.) Das ist eine ulkige Beschreibung der Situation: Den Linken, die „auf dem Standpunkt einer radikalen Kritik des falschen Ganzen“ stehen, falle praktisch nichts ein, weil die Lohnabhängigen „aus der Klasse heraus“ keine „größeren Reaktionen“ zeigen würden.
 
Das ist erstens weder der Aufriß eines speziellen Krisen-Problems noch dessen Begründung, weil kommunistische Politik immer und prinzipiell vor dem Problem steht, Leute zu agitieren, die keine Kommunisten sind. Mehr noch beziehen sich Kommunisten zweitens auf Leute, die von sich aus eben keine „Kämpfe aus der Klasse heraus“ führen. Kommunistische Agitation hat das Dasein solcher Kämpfe nicht zur Bedingung, sondern zum Ziel. Entsprechend ist auch kommunistische Theorie nicht angewiesen auf einen vorgängigen Klassenkampf; sie wird nötig gerade im Angesicht der offenbaren Abwesenheit zutreffender und verbreiteter Begründungen für ihn. Und diese Begründung ist drittens nicht gebunden an eine besondere Situation (Krise) und wird nicht eingeschränkt durch das „Vertrauen“, das der Staat genießt, sondern hat auch unabhängig von der Krise die Aufkündigung dieses Vertrauens zum Inhalt. Dafür lassen sich viertens Gründe nennen, die sich nicht mit dem bloßen Verstreichen von Zeit automatisch aufdrängen.
 
In den Thesen zur Krise meinen die FdkG, die „Entwicklung der Börsenkurse kann eine Situation schaffen helfen, in der die Gegnerschaft zu den Verhältnissen nicht mehr folgenlose Angelegenheit weniger, sondern praktische Tätigkeit vieler ist.“ Grund: „Sie (die Krise) vertieft die Kluft zwischen Wirklichem und Möglichem und lässt den Gegensatz von Wert und Gebrauchswert noch deutlicher hervortreten“ (These 1, 17). Warum aber sollte ein dem Kapital vollständig subsumiertes und in die bürgerliche Gesellschaft restlos integriertes Proletariat gerade jetzt eine Gegnerschaft zu beidem beschließen, nachdem es geschichtlich schon so gut wie alles mit sich hat anstellen lassen?
 
Der Witz liegt im Detail, nämlich der Formel „Gegnerschaft zu den Verhältnissen“. Die umfassen den „Gegensatz von Wert und Gebrauchswert“ zumeist nicht oder reflektieren ihn verkehrt. In den letzten Monaten hat es von Süddeutscher bis Financial Times Deutschland keine Zeitung gegeben, die den Kapitalismus – nunmehr mit der Krise und ihren vermeintlichen Ursachen identifiziert – verteidigt hätte; Bankvorstände sagen mea culpa; und Demonstranten, Medien und Bankvorstände sagen gemeinsam: so kann es nicht weitergehen. Und genau so ist es um die „Gegnerschaft zu den Verhältnissen“ bestellt: Das ist eine verbale Schelte für ein Verhältnis, das nicht mehr aufgeht, und führt zum interessierten Nachdenken darüber, wie es wieder aufgehen kann – nämlich: Kürzung von Managergehältern, Streichen von Boni, Finanzmarktkontrolle etc. Wenn die Krise eine Situation schafft, die solche Forderungen nach sich zieht, ist sie für kommunistische Agitation genauso nützlich oder unnütz, wie Zeiten außerhalb der Krise.
 
Selbst tiefe soziale Widersprüche, die von den Betroffenen registriert werden, führen noch nicht zur Aufkündigung sozialpartnerschaftlicher Loyalität. Erst recht dann, wenn der Kapitalismus in der Krise steckt, beweist sich für Nationalisten doch ihre objektive Abhängigkeit vom Erfolg der Weltmarktkonkurrenz sowohl ihres Unternehmens wie ihres Staates, also vom prinzipiellen Funktionieren dieser Wirtschaft. Das Interesse daran wird durch die Krise selbst nicht erschüttert. Und daher braucht der Staat auch kein besonderes „Vertrauen“ seiner Bevölkerung in der Bewältigung der Krise – weil man sich in diesem Interesse wechselseitig einig ist. Doch gerade darauf gründen die FdkG ihre Annahme, das

„…Gefeilsche und Gekeife zwischen Landesfürsten, Unternehmern, Betriebsräten und selbst Belegschaften, die, von nackter Existenzangst getrieben, ebenfalls auf rettende Staatsgelder hoffen, gibt einen Vorgeschmack darauf, welche zentrifugalen Energien im Falle einer Verschärfung der Krise entfesselt werden könnten. Einmal mehr demonstriert die bürgerliche Gesellschaft ihre Bereitschaft, sich in rivalisierende Rackets aufzulösen und zum großen Hauen und Stechen überzugehen.“ (These 6, 31)

Es gibt dafür m.E. keinerlei Indizien, sondern nur einen von Antideutschen gepflegten Mythos, der sich mit dem Begriff „Racket“ verbindet. Horkheimer hat das Racket bekanntlich für „die Grundform der Herrschaft“ gehalten. Wenn man es so allgemein deutet, stimmt das freilich für so gut wie jede Gesellschaft: Es gibt Gruppen, die sich entlang ihrer Interessen selbständig organisieren und sie soweit durchsetzen, wie es ihre Machtmittel ermöglichen – soweit ihnen Machtmittel zufallen und soweit ihnen deren Gebrauch vom Gewaltmonopolist gestattet wird. Solange der waltet, ist eine „Auflösung“ der Gesellschaft in „rivalisierende Rackets“ nur die hypothetische Umschreibung eines Bürgerkriegs aller gegen aller, nebst faschistischer Gefahr. Diese Umschreibung bezieht sich – so vage, wie nur möglich – auf „zentrifugale Energien“, die eine Verpflichtung auf den Staat negieren müssten. Derweil geschieht diese Verpflichtung der konkurrierender Interessen auf den Staat aber deswegen, um überhaupt Interessen anmelden zu können; es handelt sich schließlich um Geschäftsinteressen.
 
Dennoch sieht die FdkG jene „zentrifugalen Energien“ am Werk und will sie indirekt nachweisen an politischen Eingriffen: Die Leute würden durch die Krise so augeputscht, dass der Staat sie beizeiten bestechen müsse. So handle es sich beim US-amerikanischen Konjunkturpaket, das Wohlfahrtsleistungen umfasst, „schlicht um präventive Aufstandsbekämpfung“ (These 7, 36). Abgesehen vom Idealismus, dem auch regierende US-Demokraten anhängen, wenn sie mit Almosen ihr Volk beglücken, geht es doch vorrangig nicht um dessen Behandlung als potentieller Rebellionsherd, sondern um dessen Pflege als nationale Mobilisierungsmasse durch eine Stärkung der staatlichen Armutsverwaltung, auf die gerade wieder mehr Menschen angewiesen sind. Die staatlich subventionierte Reproduktion von Arbeitskraft zielt auf einen späteren Zeitpunkt, zu dem diese Arbeitskräfte wieder möglichst massenhaft erfolgreich „produktiv“ vernutzt werden können.
 
Die Vermutung der FdkG allerdings, dass Menschen in Armut, auch wenn sie massenhaft auftritt, ihre Ausflucht in einem Aufstand suchen würden, ist eine Spekulation, die obendrein nur wenige Entsprechungen in den letzten Jahrzehnten benennen kann. Dennoch heften die Autoren an eine Verschärfung der Krise geradezu revolutionäre Erwartungen: die „menschliche Irrationalität des Systems“, die „gesellschaftliche Perversität“, die „verrückte Welt“ und ihre „Absurdität“ würden dann für jedermann sichtbar. (These 8, 42f.) Je mehr dies

„…in die Köpfe der Leute dringt, desto größer wird die Möglichkeit, dass Verzweiflung und Misstrauen an den vorhandenen Zuständen in die Vorstellung einer Gesellschaft umschlagen, die nicht auf Tausch und Konkurrenz, sondern auf bewussten gemeinsamen Entscheidungen über Produktion und Verteilung basiert.“ (ebd.)

Nicht erklärt wird, wie und warum „Verzweiflung und Misstrauen“ in die Vorstellung einer kommunistischen Gesellschaft „umschlagen“ können. Und es wird eingestanden, dass das realiter auch nicht geschieht: Dies sei „der völligen Abstraktheit geschuldet, die der Vorstellung der klassenlosen Gesellschaft heute anhaftet.“ (These 9, 44) Wer sich auf „Verzweiflung und Misstrauen“ beruft, kann allerdings keine konkreten Vorstellungen verlangen – schon gar keine kommunistischen. Das können auch die FdkG nicht, die ihre Überlegungen zu diesem Ende bringen: „Kurz: Auch die tiefste Krise wird dem Kapitalverhältnis nicht den Garaus machen, wenn seine Aufhebung nicht wieder in den Horizont des Möglichen rückt.“ (46) Die tiefsinnige Essenz: Was zurzeit nicht möglich ist, ist nicht möglich.

Was also tun, so völlig nicht-abstrakt? „Zirkulation von Erfahrungen aus den Klassenauseinandersetzungen“ (47), antworten die FdkG. Ein äußerst revolutionäres Programm in einem Moment, in dem „Kämpfe aus der Klasse heraus“ Fehlanzeige seien. (5)

Written by erio

Oktober 7th, 2009 at 5:36 pm

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