Erio

Nicht schwarz, nicht weiß, sondern grau

zu Jan Hoff: Marx global (3)

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Fortsetzung meiner Notizen zu Jan Hoff: Marx global. Zur Entwicklung des internationalen Marx-Diskurses seit 1965. Zu Kapitel 2: Die Fortentwicklung der Marx-Debatte seit den 1960er Jahren (S. 78–200). Der Autor behandelt darin Beiträge zur marxistischen Theorie aus Westdeutschland, Asien (insbes. Japan), Ostblock, Westeuropa, Lateinamerika, Spanien und dem angelsäschischen Sprachraum.

  • Hoff ist schon im ersten Kapitel dieselben Regionen durchgegangen und vertieft sie nun weiter. Diese Aufteilung ist uneinsichtig, weil inhaltlich nicht begründbar: Erstens ist Hoff zuvor der Versuch, die behandelten „Denkansätze“ in „Konjunkturen“ der Marx-Diskussion einzuordnen, nicht recht gelungen. Zweitens fällt die nachgeschobene Vertiefung selektiv aus: Bei manchen Ländern geht Hoff vor allem auf den Übersetzungs- und Editionsstand der Originaltexte ein, bei anderen geht er ganze „Denkschulen“ durch (z.B. Japan), bei einigen belässt er es beim name dropping mehr oder minder bekannter Akademiker und Philosophen.
  • Das mag den Quellenbestand selbst oder die tatsächliche – dann zumeist geringe – Bedeutung dieser oder jener „Denkansätze“ in diesem oder jenem Land reflektieren. (In der Einleitung hat Hoff den „Provinzialismus“ mancher Theoretiker noch gescholten; hier hat er seinen Grund gefunden) – Der Autor jedenfalls fabriziert daraus eine Ideengeschichte.
  • Zwar geht Hoff auf die Inhalte wenigstens einiger der behandelten Beiträge ein (manchmal belässt er es dabei, sie als „originell“, „gehaltvoll“ oder „interessant“ zu quaifizieren). Aber die werden nur dann verständlich, wenn man sich in diesen Diskussionen auskennt. Es ist keine Überraschung, dass dort eben jene Themen auftauchen und hervorgehoben, auf die sich die „neue Marx-Lektüre“ abgerichtet hat: Stellenwert Hegels („junger“ vs. „alter“ Marx) und der Dialektik, methodische Bedeutung des Fetisch-Kapitels, das Verhältnis von Forschungs- und Darstellungslogik, das „Problem des Anfangs“, die „Architektonik“ der Ökonomiekritik usw.
  • Das suggeriert, alle behandelten Autoren hätten in Wirklichkeit am selben „Interpretationsansatz“ (Hoff) gearbeitet, als würde aus den vielen „Zugängen“ ganz folgerichtig ein „Ausgang“. Den hat Hoff schon bestimmt, er wird ihn wohl im dritten Kapitel erklären. Das illustrative Material hat er gerade gesammelt und dabei vieles weggelassen, was kein Beitrag zu seinem „Interpretationsansatz“ wäre. Beispiel für eine komplette Unterschlagung ist die jugoslawische Praxis-Gruppe, die noch im ersten Kapitel wenigstens vorkam, nun aber fehlt, obwohl bei denen das Verhältnis von Früh- und Spätwerk, die Kategorie der Entfremdung, Marxens Anleihen bei Hegel usf. eine Rolle spielen.
  • Beispiel für eine selektive Darstellung: die DDR. Da wird die „Hallenser Fraktion“ (v.a. Wolfgang Jahn) gewürdigt und mit ihr der Rest ignoriert. Dass der „Rest“ keinesfalls zu vernachlässigen ist, zeigt bspw. Margaret Wirt: Kapitalismuskritik in der DDR, Frankfurt/M. 1972. Schließlich ein Beispiel für das Referieren von Vorurteilen: In den vier Absätzen zum „analytischen Marxismus“ (191-193) gibt Hoff Hauptsächlich deren Kritiker wieder, die sich nie einig wurden, ob sich der „analytische Marxismus“ noch Marxismus nennen dürfe. Auf S. 198 kommentiert Hoff – so argumentlos, dass man es ihm nicht glauben darf –, jene Strömung müsse „summa summarum gerade unter methodologischem Gesichtspunkt als theoretischer Rückschritt betrachtet werden.

Written by erio

Oktober 6th, 2009 at 4:09 pm

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