Erio

Nicht schwarz, nicht weiß, sondern grau

zu Jan Hoff: Marx global (2)

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Fortsetzung meiner Notizen zu Jan Hoff: Marx global. Zur Entwicklung des internationalen Marx-Diskurses seit 1965. Zu Kapitel 1: Die Entwicklung verschiedener an Marx orientierter Denkansätze im Spannungsfeld von Politik und Theorie von den 1960er Jahren bis heute (S. 27–77). Hoff streift darin marxistische Denkansätze in aller Welt, speziell in Westeuropa (vor dem Hintergrund von Studentenbewegungen, Neuer Linker, Eurokommunismus, Operaismus), Lateinamerika (hinsichtlich Befreiungsphilosophie), Asien (samt der wenig bekannten japanischen Entwicklung). Der Überblick ist zunächst nur kursorisch und soll in Kap. 2 vertieft, die einzelnen Beiträge aufeinander bezogen werden.

  • Hoffs Ausgangspunkt ist der sowjetische Marxismus-Leninismus, den er hier mit Stalinismus identifiziert und als solchen quittiert. Unter denen, die das Buch lesen und sich mit Hoffs Betrachtung im Grunde einig wissen, wird die Ablehnung des Stalinismus zwar kein Dementi hervorrufen. Aber eine nähere Kritik des ML wäre nötig gewesen. Der zentrale Einwand im Buch kürzt sich zusammen auf: „Der Stalinismus führte auf dem Gebiet der Marx-Interpretation eine massive Einschränkung der wissenschaftlichen Freiheit herbei“ (28), es sei zu „grobschlächtigen Vereinfachungen“ gekommen (32). Das Hoff die Abgrenzung zum sowjetischen ML (auch über die Stalin-Zeit hinaus) so summarisch vollzieht, hat auch die Folge, dass es ihm auch im Nachgang schwerfallen wird, seine angekündigte Eingrenzung auf einen „dissidenten Marxismus“ konsequent zu vollziehen und zu begründen.
  • Diese Eingrenzung schränkt er nämlich ziemlich willkürlich ein, wenn er nun die Marx-Beschäftigung in den verschiedenen Ländern streift. Da bezieht er sich vorrangig schon nicht mehr auf organisierte Gruppen oder Parteien, sondern konzentriert sich hauptsächlich auf einzelne Philosophen. Dabei gab und gibt es weltweit eine ganze Reihe von Strömungen, die – eben durch ihre Abgrenzung zum ML – „dissident“ sind, von ein paar hundert trotzkistischen Splitterparteien bis Stamokap-Jusos. Bei Hoff fallen die konsequent durchs Raster. Wie aber qualifiziert man sich denn für den „internationalen Marx-Diskurs“? 
  • Gerade die Aussparung der zeitweise unzähligen Kleinst-Parteien und parteiähnlichen Gruppen weltweit erscheint komisch: Schließlich ist doch ein Hauptmerkmal jeder kommunistischer Organisation, das sie die Aneignung von Argumenten gegen diese Gesellschaft (ältere Schreibweise: des wissenschaftlichen Sozialismus) fördert und verbreitet (ältere Schreibweise: institutionalisiert). Das muss man zur Kenntnis nehmen, bevor man weiß, wie deren Argumente ausfallen und bevor man beurteilen kann, ob sie was taugen. Die Aufgabe wird einem auch durch die Kennzeichnung als „dissident“ nicht erspart.
  • Endpunkt der Erzählung ist bei Hoff das Ende des Marxismus als „Massenideologie“. Auch wenn die Bezeichnung nahe liegt und nicht erst von Hoff geprägt wurde: Die Unterscheidung von Marxismus als Massenideologie und Marxismus als Theorieprogramm ist nur dort möglich, wo die Theorie eine ausdrückliche Absage an die Praxis erteilt (wie am Schluß bei Adorno). Es ist zwar gegen den linken Trend, aber trotzdem wahr, dass eine gesellschaftliche Transformation – ob als Revolution oder radikale Strukturreform – ohne genügend Leute, die sie durchziehen, unmöglich ist. Diese Einsicht kann man haben, ohne des Marxismus zur Ideologie zu machen und ohne die „Masse“ zu verklären.
  • Hoff schreibt, die Reaktion der ganzen Marxismen spätestens nach 1989/90 seien Forderungen nach „Veränderungen“, „Neuorientierungen“ u.ä. gewesen. Als wären das nicht zu aller Zeit die Forderungen wenigstens einiger, sicher aber der „dissidenten“ Marxisten gewesen! Und das lässt der Autor offen stehen, ohne zu klären, was damit teilweise für hahnebüchener Unsinn gemeint war (siehe hierzu bspw. Egbert Dozekal: Von der ‚Rekonstruktion‘ der Marxschen Theorie zur ‚Krise des Marxismus‘; Hoff hätte dafür ohne Zweifel auch Entsprechungen in anderen Ländern gefunden). 
  • Schließlich benennt Hoff noch den heutigen praktischen Bezugspunkt marxistischer Diskussionen:

„Nach dem historischen Ende des ‚Marxismus als Massenideologie‘ infolge der Epochenzäsur von 1989/90 ist das an Marx orientierte Denken im Spannungsfeld von Theorie und Politik zwar weithin marginalisiert, aber immer noch präsent – seit den 1990er Jahren im Umkreis der internationalen globalisierungskritischen Bewegung.“

Allerdings ist theoretisch gar nicht geklärt, warum Marxismus – selbst wenn er (wie Hoff mehrfach schreibt) „kampftheoretisch“ ausfällt – einen „empirischen Referenten“ braucht, nur um „präsent“ zu sein, also sich als Bewegung zu bewähren. Zumal doch klar ist, dass es im Falle der Globalisierungsgegner ein Kampf ist, der mit Kommunismus nichts zu tun hat und auch nicht auf irgendeinem „Marx-Diskurs“ gründet.

    Written by erio

    September 23rd, 2009 at 5:28 pm

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