Erio

Nicht schwarz, nicht weiß, sondern grau

zu Jan Hoff: Marx global (1)

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Ich lese gerade Jan Hoff: „Marx global. Zur Entwicklung des internationalen Marx-Diskurses seit 1965“. Das Buch kann wahlweise gelesen werden als Ergänzung oder Ausweitung der Darstellung Ingo Elbes in „Marx im Westen“. Dazu werde ich nach und nach einige Stichpunkte notieren. Über Anregungen zur weiteren Diskussion würde ich mich sehr freuen.

 

Zunächst zur Einleitung. Was will Jan Hoff? Er stellt das Fehlen einer Gesamtschau internationaler Marx-Diskussionen fest; sie seien Desiderat geblieben oder hätten sich von vorn herein regional beschränkt. Das sei vor dem Hintergrund einer „Globalisierung“ an Marx orientierter Theoriebildung unzulässig. Bisherigen Versuchen hafte ein „eurozentrisches Verdikt“ (17) an:

 

„Im scheinbaren Gegensatz zur beinahe globalen Entwicklung der an Marx anknüpfenden Theoriebildung blieb ein theoretischer Provinzialismus in der Geschichte des von Marx inspirierten Denkens ein bedauerliches Traditionsmerkmal der Theorierezeption.“ (14)

 

Hoff liegt ja nicht völlig verkehrt, aber trotzdem macht er es sich zu einfach:

 

  • Gerade für den „dissidenten Marxismus“, den Hoff untersuchen will, gab und gibt es lokale Schwerpunkte, zum Beispiel Frankfurt/Main. Der Vorsatz, Diskussionen dort zu führen, wo man auf andere interessierte Leute trifft, wo man etwa in einem Institut untergekommen ist oder in einer bestimmten Zeitschrift veröffentlichen kann, ist freilich nicht derselbe wie „Provinzialismus“.
  • Einige Diskussionen hatten immer einen wenigstens regionalen Bezug, etwa die westdeutsche Staatsableitungsdebatte. Freilich kann man nicht jedem Autor dieser Debatte vorwerfen, dass er etwa französische Beiträge zur Staatstheorie nicht zur Kenntnis genommen habe – vielleicht hat er sie für nicht brauchbar gehalten aus anderen Gründen als nur der anderen Sprache. Und darauf wird sich auch Poulantzas (der selbst in Frankfurt gelehrt hat) nicht berufen haben, der gesagt haben soll: „I don’t care for your German Staatsableitung.“ 
  • Etwas anderes dagegen war die Marotte der K-Linken, ihren jeweiligen Marxismus von der realpolitischen Entwicklung irgendeines Lieblingslandes – China, Albanien, Jugoslawien – affizieren zu lassen. Denkt man an die Praxis-Gruppe, betrifft das auch den von Hoff gemeinten „dissidenten Marxismus“. Da kann man schon von „Provinzialismus“ sprechen – aber der hat heute kaum mehr Bedeutung. 
  • Umgekehrt gab es sozialistische Diskussionen, die unter Verweis auf Marx geführt wurden, aber nicht viel mit ihm zu tun hatten und international monothematisch ausgefallen sind. Ich denke z.B. an einen ganzen Berg sozialistischer Literatur zur „Atomwaffengefahr“ in den 1980ern. Darunter beispielsweise ein DDR-Band „Marxistische Dialektik in Japan“ (1987, Dietz-Verlag), der mit dem „Kampf um den Frieden“ anhebt und dazu eine theoretische Fundierung liefert. Dummerweise unterscheidet sie sich nicht vom Lehrbuch-ML. Die spezifische Geschichte des Marxismus in Japan ist für das Resultat unerheblich.

 

Fotzsetzung demnächst.

Written by erio

September 22nd, 2009 at 8:43 am

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